Marta Pankratova

2019

"Kunst am Baum" im Park von Gelsenkirchen-Buhr

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kunstinteressierte,

ich begrüße Sie herzlich zur Ausstellungseröffnung bzw. Skulpturvorstellung von Gudrun Schuster hier in Gelsenkirchen. Die zu betrachtende Skulptur heißt „Der Kolibri unterm Brustgefieder startet“ und entstand im Rahmen des Skulpturenprojektes „Kunst am Baum“.

Wie bei der sogenannten „Kunst am Bau“ wird hier der museale Rahmen verlassen und der öffentliche Raum gesucht, um zufällige Begegnungen mit Kunst zu ermöglichen. Im Kern der Ausstellungsreihe „Kunst am Baum“ steckt die Idee der künstlerischen Umwandlung geschädigter und zum Abholzen bestimmter Bäume. Die Arbeit „Der Kolibri unterm Brustgefieder startet“ ist die 27. künstlerische Position, die hier, im Skulpturenpark Schloss Berge gestaltet wurde.

Aber zuerst einmal ein Paar biografische Informationen über die Künstlerin:
Gudrun Schuster lebt und arbeitet in Neuss. Von 1988 bis 1993 studiert Gudrun Schuster Bildhauerei bei Ansgar Nierhoff an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und schließt ihr Studium mit dem Diplom ab. 1993 erhält sie ein Reisestipendium des Landes Rheinland-Pfalz nach Russland. 1995 bekommt sie ein einjähriges Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz. 2003 erhält die Künstlerin den 2. Platz beim Kunstpreis SZPIELMAN AWARD. 2004 bekommt sie ein Stipendium des ArToll Labor e. V. in Bedburg-Hau. Es folgt 2005 der Kunstpreis der Stadt Bad Kreuznach und 2010 Partizipia – der demokratische Kunstpreis für alle.
Es finden zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen statt, unter anderem in St. Petersburg, New York City, Glasgow, Göteburg und Brasilien.
Neben der Teilnahme an internationalen Symposien in Europa beteiligt sich Gudrun Schuster an diversen Kunst am Bau-Projekten und erhält öffentliche Aufträge.

Beim Anblick der Arbeit „Der Kolibri unterm Brustgefieder startet“ von Gudrun Schuster habe ich an ein Déjà vu geglaubt: knorrig bizarr heben sich unbelaubte Äste auch bei jenem Baum vom grünen Leben der Kulisse ab, mit dem der italienische Bildhauer Guiseppe Penone die Karlsaue in Kassel bereichert. Der Penone-Baum, der 2012 zum Lieblingskunstwerk der documenta 13 wurde, wirkt ganz natürlich, auch bei näherem Hinsehen. Der Klopftest aber zeigt: es handelt sich um eine schwere Bronzeplastik.
Schusters Skulptur dagegen ist aus Holz, lebendem Holz und wird zum lebenden Element der Realität. Eine kranke Esche, die ohnehin gefällt werden sollte, wurde zur künstlerischen Bearbeitung frei gegeben. So konnte unmittelbar vor Ort in der Auseinandersetzung mit dem lebenden, noch verwurzelten „Material“ und der Umgebung eine einzigartige Arbeit entstehen, die sich mit der Verbindung von Kunst, Mensch und Natur auseinandersetzt.

Gudrun Schusters 15 Meter hohes Objekt stellt einen blattlosen Baum mit gestutzten Ästen dar. In der Krone sieht man einen Kolibri aus dem Baum losfliegen. Der Baumstamm ist so gestaltet, dass es ein Muster ergibt. Dieses Muster kann eventuell an eine Palme erinnern.

Die Bildhauerin erschafft eine Skulptur, die poetische Erfahrung und die Beziehung von Natur und Kultur durch die Kunst zelebriert. Der Baum ist ein sehr starkes, uraltes Symbol. Er steht für Kraft, Leben und Erkenntnis und spielt auch im neueren kunsthistorischen Kontext eine Rolle. Z. B. bei dem Projekt „7000 Eichen“ des Aktionskünstlers Joseph Beuys. Von 1982 bis 1987 waren im Rahmen der documenta im Kasseler Stadtgebiet 7000 Eichen gepflanzt und 7000 Basaltsäulen errichtet worden. So ergaben Baum und Stein eine Symbiose.

Der Baum ist auch ein Symbol für die Synthese von Himmel und Erde. Zum einen gilt die Esche als Symbol für die Macht des Wassers. Fischer glaubten früher an diese Macht der Esche und fertigten einzelne Teile ihrer Boote aus Eschenholz.

Zum anderen spielt die Esche in der germanischen Mythologie eine große Rolle. Sie stellt dort den allumfassenden Weltenbaum Yggdrasil dar. Dieser Baum verbindet mit seinen drei Wurzeln die neun unterschiedlichen Welten, die auf drei Ebenen aufgeteilt sind. In diesen Welten leben unterschiedliche Wesen: Elben, Zwerge, Riesen und Götter. In Midgard, der Welt im Zentrum aller Welten, leben die Menschen. Sollte diese allumfassende Esche jemals anfangen zu welken, hat das den Weltuntergang zur Folge. Der Drache, der mit seinen Giftzähnen in eine der Wurzeln beißt, versucht die Esche zu vergiften. In der Krone der Esche lebt der Adler, der sein Gegenspieler ist. Die beiden stellen den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse dar. Bei diesem Kampf spielt auch das Eichhörnchen eine wichtige Rolle, es stiftet ständig zwischen den beiden Kontrahenten Unruhe, um den ewigen Kampf nicht verebben zu lassen.
Es ist auch interessant, dass in vielen urtümlichen Religionen die Menschen aus Eschen geschnitzt wurden. Und in der nordischen Mythologie stammen die Menschen von der Esche ab.

Auch der Kolibri hat eine besondere Bedeutung: In der Mythologie seiner amerikanischen Heimat hat dieser hübsche und kleine Vogel seit jeher einen festen Platz. Er wird als Botschafter der Liebe, des Lichts und auch der Hoffnung geschätzt und geehrt.

Viele Arbeiten von Gudrun Schuster zeichnen sich durch eine Brechung aus; da ist auch Ironie im Spiel, etwas Witziges, aber auch Sehnsucht – die verbindet uns ja alle. Außerdem ist da eine Leichtigkeit und das Spielerische, was dem Betrachter ein Schmunzeln hervorlockt. Die Künstlerin arbeitet intuitiv. Kompositorisch verlässt sie sich auf ihren Blick. Ihrer Meinung nach ist die die Natur ideal gestaltet, sie gibt uns eine Teilung, Ordnung und Reihung. Alles, was uns umgibt, hat Form und Idee.
„Das eigentlich Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit“, hat einst Franz Kafka gesagt. Die Vergänglichkeit des Materials und das Pflanzenwachstum im direkten Umfeld wirken in die Gestaltung von der Skulptur mit ein. So verändert sich die Baumskulptur fortwährend, wird Teil der Umgebung sowie natürlicher Verwitterungsprozesse und verweist auf diesem Wege auf Werden und Vergehen der Dinge.

„Land Art“ ist eine besondere Form der Kunst, bei der die Kunstwerke direkt in und an die Natur angepasst werden. Bei der Skulptur „Der Kolibri unterm Brustgefieder startet“ verschmelzen Natur und Kunst im wahrsten Sinne miteinander, sodass Kunst zu Natur und Natur zu Kunst wird.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Ausstellung ist somit eröffnet!